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Das Drei-Kaiser-Denkmal und die Freiheitseiche

01/10/2014/Felstau

Drei-Kaiser-Denkmal in den Hardt-Anlagen

Wenn man allein von der Freiheitseiche als Gedenkbaum ausgeht, wird deutlich wie sich die Symbolik im Laufe der Zeit ändert und wie sie bewußt verändert und für eigene Zwecke vereinnahmt werden kann. Da ist das Drei-Kaiser-Denkmal rund um die Freiheitseiche neben dem Schutz des Baumes sicher auch ein Versuch mögliche Anspielungen auf den Freiheitsgedanken der französischen Revolution mit ihren Freiheitsbäumen auszuschließen. Aber wie man sieht ohne bleibenden Erfolg, auch beim Wartburg- und beim Hambacher Fest sowie bei der Revolution von 1848 wurde die „deutsche Eiche“ weiterhin als Symbol benutzt. Es bleibt ein andauernder Kampf um die Deutungshoheit. Beteiligen wir uns!

„Man kannte den Mythos, daß der Missionar Bonifatius im frühen Mittelalter Thors heilige Eiche geschlagen habe, als in Mitteleuropa das Christentum eingeführt werden sollte. Einzelne geheiligte Eichen mögen damals als Überbleibsel heidnischen Kultes stehen geblieben sein, unter ihnen versammelte man sich, hielt Gericht. Auch den Linden wird eine besondere Bedeutung im heidnischen Brauchtum nachgesagt. Es ist aber nicht sicher, daß es wirklich bestimmte botanisch identifizierbare Baumarten waren, an denen sich vor „Urzeiten“ die Thingstätten befunden hatten. In der Umwelt des 18. Jahrhunderts gab es kaum alte Linden, sondern lediglich knorrige Eichen, die man vielerorts geschont hatte wegen der Eichelmast oder weil man ihr Bauholz schätzte. Für diejenigen, die sich in den Hainen versammelten, war selbstverständlich, daß es nur die alten Eichen sein konnten, die Symbole von „überkommener“ Natur waren und bei denen man den Vorfahren, ihrer Freiheit, der Stärke und der eigenen Identität am nächsten war. Klopstock hat die Eiche vielfach besungen, in Hermanns Schlacht von 1769 verglich er das Vaterland mit „der dicksten, schattigsten Eiche, im innersten Hain, der höchsten, ältesten, heiligsten Eiche“, und 1774 schrieb er: „Die Eiche war bei unseren Vorfahren mehr als etwas Symbolisches; sie war ein geheiligter Baum, unter dessen Schatten die Götter am liebsten ausruhten.“

Die Eichen der Haine, also bizarre Bäume auf ehemals beweideten Flächen, als Symbole der urwüchsigen Natur richtiggehend zu verehren, war etwas sehr Merkwürdiges. Diese Eichen hatten sich nämlich nicht natürlich entwickelt, sondern sie waren unter dem Einfluß der Beweidung und der Schonung für die Mast entstanden; sie waren Elemente der Kulturlandschaft, die gerade zu der Zeit, in der ihre schwärmerische Verehrung einsetzte, ihre Funktion in der Kulturlandschaft verloren hatten. Als man begonnen hatte, Viehkoppeln und Wiesen anzulegen, das Vieh nicht mehr in den Wald zu treiben, bestand keine Veranlassung mehr, den Hudeeichen besonderen Schutz angedeihen zu lassen, aber gerade in diesem Moment entdeckte man ihren gewissermaßen mythologischen Wert.

Aber die Bedeutung der Eichen entwickelte sich weiter. In Frankreich pflanzte man zur Zeit der Revolution von 1789 Eichen als Freiheitsbäume, und dies in großer Zahl; 1792 sollen in Frankreich 60000 Freiheitsbäume ausgebracht worden sein! Man pflanzte solche Bäume auch in Deutschland, besonders im Westen des Landes, der ja damals unter französischem Einfluß stand, also in der Pfalz und in Westfalen. Aber in Deutschland bekam die Eiche als Freiheitsbaum bald noch eine weitere Bedeutung: Sie wurde als Sinnbild der nationalen Identität auch ein Symbol für die Auflehnung gegen die französische Unterdrückung in der Zeit, als Napoleons Truppen fast ganz Europa beherrschten. Die Stärke und der Freiheitswille des Waldmenschen Hermann, der die Römer mit ihrer Kultur, man könnte auch sagen, mit ihrer Zivilisation und mit ihrem Streben nach Kolonisation, besiegt hatte, wurde immer wieder beschworen, wenn es um die Auflehnung gegen Frankreich ging. Im Jahre 1808 schrieb Heinrich von Kleist, der die Befreiung vom Joch Napoleons nicht mehr erleben sollte, die Hermannsschlacht, Hermann will darin „im Schatten einer Wodanseiche“ sterben. (…)

Wenige Jahre später wurde das Heer Napoleons besiegt; da war es folgerichtig, daß, als König Friedrich Wilhelm III. von Preußen 1813 neue Kriegsauszeichnungen stiftete, auch das Eichenlaub als Symbol Verwendung fand. Der für alle Dienstgrade gestiftete Orden war das Eiserne Kreuz, das nun als besondere Auszeichnung mit Eichenlaub verliehen wurde. Die Eiche war fortan der „Baum der Deutschen“. Nicht nur Caspar David Friedrich malte sie immer wieder, zunächst voller Hoffnung, in späteren Jahren fast abgestorben, aber immer noch „heldenhaft“ gen Himmel ragend. Man verwendete Eichen und schwarzrot-goldene Fahnen als Symbole beim Wartburgfest von 1817 und beim Hambacher Fest von 1832, in der Revolution von 1848. Schließlich wurden zur Reichsgründung 1871, danach 1913 zum Gedenken an die Freiheitskriege und zugleich zum 25jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Wilhelm II. zahlreiche Eichen gepflanzt; oft sind sie noch heute Mittelpunkte von Ortschaften.“

Quelle: S.182 f. aus:
Küster, Hansjörg: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart
3. Auflage 2013. 267 S.: mit 53 Abbildungen, davon 47 in Farbe. Broschiert
C.H.BECK Verlag, München 1998

 

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Von Tanzlinden und Gerichtseichen, Baumheiligtümern und Gedenkbäumen in Deutschland
BLV Verlagsgesellschaft, München 2006
ISBN 9783405167677
Gebunden, 160 Seiten, 29,90 EUR

Der geistesgschichtliche Hintergrund der Befreiungskriege ist schön im Kapitel 10, S215-225, bei Rüdiger Safranski “Schopenhauer und Die wilden Jahre der Philosopie”, München 2010 beschrieben.

Zamoyski, Adam
1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress
2014. 704 S.

Nach Adam Zamoyskis Bestseller 1812. Napoleons Feldzug in Russland folgt nun die Fortsetzung: 1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress. Der geschlagene Napoleon trifft am 18. Dezember 1812 nachts inkognito in den Tuilerien ein und nimmt sofort das Ringen um seine schwankende Machtbasis in Paris auf. Doch das Blatt hat sich gewendet. Von nun an ist er der Gejagte.
Zwei Jahre später ziehen die Mächtigen in Wien neue Grenzlinien über die Karte Europas. Schon vorher hatten sie ihre Ansprüche angemeldet, als das Imperium des französischen Kaisers erste Risse zeigte. Nun, auf dem Wiener Kongress, kommt alles zum Einsatz. Selten in der Geschichte gab es gleichzeitig an einem Ort so viele Manöver und Intrigen, so viel Gier, Bestechung, Sex und Erpressung.
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